Ostschweizer Wirtschaft trotzt starkem Gegenwind
Die Ostschweizer Unternehmen blicken auf ein turbulentes erstes Halbjahr zurück. Neben der anhaltend schwachen Dynamik in wichtigen Absatzmärkten belasteten der Iran-Krieg und die US-Handelspolitik die Auftragslage. Trotz dieses anspruchsvollen Umfelds zeigt sich die Ostschweizer Wirtschaft einmal mehr widerstandsfähig: Teile der Industrie meldeten zuletzt vorsichtig positive Signale, wenn auch auf tiefem Niveau. Zudem wird die Konjunktur in der Ostschweiz weiterhin von der soliden Binnenwirtschaft gestützt.
Die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten gehen auch an der Ostschweizer Wirtschaft nicht spurlos vorbei. Neben gestiegenen Preisen für Rohmaterialien und Halbfabrikate belastet insbesondere die anhaltende Unsicherheit die Ostschweizer Industrie. «In Zeiten wie diesen halten sich viele Unternehmen mit Investitionen zurück – mit Folgen für die in der Ostschweiz prominent vertretenen Hersteller von Maschinen und Ausrüstungsgütern», sagt Roman Elbel, Konjunkturexperte bei der St.Galler Kantonalbank. Die Ostschweizer Industrie zeigt sich in den aktuell turbulenten Zeiten zwar einmal mehr widerstandsfähig. Die Auswirkungen des Iran-Kriegs und der Blockade der Strasse von Hormus sind für die Firmen aus unserer Region aber noch nicht ausgestanden. Unternehmen melden häufiger längere Lieferfristen und die unsichere Entwicklung der Beschaffungskosten erschwert die Planbarkeit. Die Industrie- und Grosshandelsunternehmen rechnen zudem vermehrt mit steigenden Einkaufspreisen, welche nur begrenzt an die Kunden weitergegeben werden können.
Wirtschaftliches Umfeld bleibt anspruchsvoll
Neben der Lage im Persischen Golf bleibt auch die Dynamik in den wichtigen Absatzmärkten ein belastender Faktor. Insbesondere in Deutschland bleibt die Lage angespannt. «Die deutsche Industrie hat sich zwar auf tiefem Niveau stabilisiert. Die Anzeichen eines Aufschwungs konzentrieren sich jedoch stark auf rüstungsnahe Bereiche und sind noch nicht selbsttragend», sagt Roman Elbel, Konjunkturexperte bei der St.Galler Kantonalbank. Auch in der für Ostschweizer Zulieferfirmen wichtigen Automobilindustrie bleibe die Lage angespannt.
Ende Juli gab es erneut Bewegung rund um die US-Handelspolitik, nachdem die bisherigen, temporär geltenden Zölle ausgelaufen waren. «Die seit dem 24. Juli geltenden US-Zölle bewegen sich im erwarteten Bereich», sagt Albert Flak, Research Analyst bei der IHK St.Gallen-Appenzell. Nach den jüngsten Änderungen sind die Zölle auf viele MEM-Produkte sogar leicht gefallen. Nachteilig ist aber der um 2.5 Prozentpunkte höhere Zollsatz gegenüber der Konkurrenz aus der EU. Gleichzeitig bleibt die handelspolitische Unsicherheit weiterhin gross. Dazu Albert Flak: «Aus den laufenden Untersuchungen im Bereich der industriellen Überkapazitäten könnten weitere Zölle resultieren.» Die wiederholten Änderungen im Zoll-Regime verursachen bei Unternehmen zudem einen erheblichen administrativen Aufwand.
Die Auswirkungen des bisherigen US-Zollregimes zeigen sich auch in der Exportstatistik. Die Warenausfuhren aus der Ostschweiz sind im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 3.6% zurückgegangen. Den grössten Rückgang verzeichneten mit -19.3% die Exporte in die USA. Unter Druck geraten sind unter anderem die Ausfuhren aus der MEM-Industrie.
Vereinzelt positive Signale aus der Industrie
Trotz des anspruchsvollen Umfelds haben sich die Einschätzungen der Industrie im Juli leicht verbessert, wenn auch ausgehend von tiefem Niveau. Insgesamt beurteilt die Branche ihre Geschäftslage nun als knapp befriedigend. Den Umfragen zufolge schätzten insbesondere Unternehmen aus der Elektronik- und Optikbranche sowie dem Maschinen- und Fahrzeugbau ihre Geschäftslage wieder etwas besser ein als noch im Frühling. Vier von zehn Unternehmen melden mehr Bestellungen, ein Drittel Produktionssteigerungen. Diese positiven Signale folgen aber auf eine ausgeprägte, langanhaltende Schwächephase und sind noch mit Vorsicht zu interpretieren. «Das wirtschaftliche Umfeld für die Ostschweizer Industrie bleibt anspruchsvoll», sagt Roman Elbel. «Eine mögliche Erholung – selbst auf tiefem Niveau – muss sich erst noch bestätigen.» So sind die Kapazitätsauslastung und die Auftragsbestände nach wie vor tief. Besonders gross ist die Lücke in der Metallindustrie. In dieser Teilbranche berichtet seit April mehr als die Hälfte der befragten Firmen über zu wenig Aufträge.
Anhaltend positive Dynamik in binnenorientierten Branchen
Die Ostschweizer Wirtschaft wird weiterhin von der soliden Binnenwirtschaft gestützt. Gemäss den Unternehmensrückmeldungen ist die Geschäftslage sowohl in der Finanz- und Versicherungsbranche als auch im Grosshandel sehr gut. Ebenfalls eindeutig positiv bleibt die Dynamik im Baugewerbe, getragen von den tiefen Zinsen und der anhaltend hohen Nachfrage nach neuem Wohnraum.
Im Gastgewerbe hat sich die Geschäftslage zuletzt wieder leicht verbessert und wird nun als knapp positiv eingeschätzt. Trotz des Iran-Kriegs sind die Logiernächte in der Ostschweiz von März bis Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahezu unverändert geblieben. Bei Gästen aus Asien ist zwar ein Rückgang feststellbar. Diese Einbussen konnten jedoch durch Gäste aus der Schweiz und Europa aufgefangen werden. Begünstigt durch das schöne Wetter verläuft die Sommersaison gemäss den bisherigen Indikatoren erfreulich.
Verhaltene Konsumentenstimmung, stabiler Arbeitsmarkt
Der Ostschweizer Detailhandel meldet eine weiterhin befriedigende Geschäftslage und erwartet eine stabile Entwicklung. Die Konsumentenstimmung bleibt jedoch verhalten. Die als gering wahrgenommene Arbeitsplatzsicherheit und die leicht gestiegenen Preiserwartungen führen zu einer höheren Sparquote und drücken auf die Wachstumsdynamik des privaten Konsums. «Das Portemonnaie sitzt nicht mehr ganz so locker», stellt Albert Flak fest. «Trotzdem sorgt der private Konsum weiterhin für positive Wachstumsimpulse.»
Der regionale Arbeitsmarkt bleibt insgesamt robust, auch wenn die Zahl der offenen Stellen zuletzt leicht zurückgegangen ist. Die Arbeitslosenquote liegt in der Ostschweiz bei 2.1% und damit im langjährigen Mittel. Für die nächsten drei Monate erwarten die Unternehmen in den meisten Branchen eine gleichbleibende Entwicklung der Beschäftigtenzahl.
Konjunkturboard Ostschweiz
Das Konjunkturboard Ostschweiz beurteilt quartalsweise die konjunkturelle Entwicklung der Ostschweizer Wirtschaft. Basis dafür bilden die regelmässigen Konjunkturumfragen in Zusammenarbeit mit dem KOF Institut der ETH Zürich.
Die Resultate und Analysen der aktuellen Umfrage können interaktiv auf der Plattform www.konjunkturboard.ch abgerufen werden